Bronze beim Stoneman Miriquidi

Drei Tage, neun Berge und eine Trophäe

Ein bisschen komme ich mir vor wie Gretel mit ihrem Hänsel, als mir mein Lieblingsradbegleiter Arrý von dem Stoneman Miriquidi erzählt.

Ein Rundkurs auf 162 Kilometern und 4400 Höhenmetern durch den tiefen dunklen Wald im finsteren Osten über neun Berge hoch und runter durchs tschechische und deutsche Erzgebirge. Kein Rennen, auch keine wirkliche Reise, aber eben dennoch ein Sportevent, das durch eine stattliche Trophäe in Form eines Steinmännchens belohnt wird.

Arrýs Augen blitzen freudig erregt als er mir ein Bild der Stoneman-Trophy zeigt. Ein schwarzer Sockel, ein Stein und darauf ein rostiger Radfahrer. Sieht sehr erstrebenswert aus!

Warum habe ich bloß das Gefühl, dass er mich durch dieses Ding von der Strecke ablenken will?

Auch lockt er mich mit der Flexibilität dieser Veranstaltung: Jeder startet, wann er mag und fährt so schnell – oder langsam – wie es gefällt. Wald, Rad und Berge hätten mir als Worte der Überzeugung schon gereicht. Ich bin da sehr simpel gestrickt.

„Schafft man die Strecke an einem Tag gibt es einen goldenen Stein auf der Trophäe“, erzählt er todesmutig. Mein ‚Nein’ nimmt er sichtlich erleichtert entgegen. „Silber gibt es für zwei Tage“, fügt er etwas ängstlich hinzu. Es hätte nämlich sein können, dass ich das durchziehen will und dann hätte er keine Chance, aus der Nummer wieder rauszukommen. Wir einigen uns auf drei Tage und der Stein auf Arrýs heiß ersehnter Trophäe sollte somit ein bronzener werden. Die Höhenmeter flößen mir schon ordentlich Respekt ein, aber wenn mir jemand die Frage stellt, ob ich mir etwas zutraue, sage ich grundsätzlich ja. Ich hätte mir die Ausschreibung vielleicht einmal genauer durchlesen sollen.

Quer durch die Republik

Im Juni geht es los. Von Brühl quer durch die Republik bis nach Johanngeorgenstadt. Nie gehört. Der eigentlich von uns bevorzugte Start in Oberwiesenthal gestaltete sich in der Planung als unmöglich, denn zeitgleich war eine Gruppe von etwa 100 Holländern auf dem Stoneman unterwegs, die alles an Hotels und Pensionen ausgebucht hatten, was es in dem bekannten Skisport-Örtchen gab. Nichts gegen Holländer, aber ich mag es lieber leer im Wald.

Von welchem Ort der Stoneman gestartet wird, ist völlig egal. Am Ende sind es die gleichen Kilometer, die gleichen Berge und die gleichen Höhenmeter. Nicht in ein bestimmtes Schema hineingedrängt zu werden, kommt mir sehr nah, also starten wir irgendwo im Nirgendwo.

Geschlossen in Grau

Diese Ecke von Deutschland kannte ich noch nicht. Ich kenne den Harz und weiß, dass trotz Besiedelung ganze Landstriche über geringe Möglichkeiten zur Verköstigung von Touristen verfügen können. Das Erzgebirge ist da anders: es ist schlichtweg geschlossen. Dieses Johanngeorgenstadt liegt landschaftlich ungeheuer hübsch, aber wenn man die Erwartung hat, auf eine geöffnete Gaststätte zu treffen, einen Supermarkt oder gar eine Tankstelle, fühlt man sich in seiner Reiseeuphorie etwas ausgebremst. Wir sind nicht luxusverwöhnt, haben immer etwas Essen und Trinken dabei und sind natürlich nicht in irgendeiner Not, aber das Grau der Häuser hier drückt selbst an diesem sonnigen Junitag aufs Gemüt. Als das Navi sein ‚In 500 Metern erreichen Sie Ihr Ziel auf der rechten Seite’ herunterleiert, schauen wir uns betroffen an und fragen uns, ob wir stattdessen lieber im Wald wildcampen.

Lichtblicke und gesunde Skepsis

Die Pension Edelweiß liegt etwas versteckt und erheitert unser Gemüt in Sekundenschnelle. Eine freundlich sächselnde Wirtin empfängt uns in dem buntgeblümten Garten. Ein Lichtblick für unsere vernebelten Augen. Sie und ihr Radsport erfahrener Mann plaudern von den diversen Freizeitmöglichkeiten in und um Johanngeorgenstadt und lassen uns spüren, dass sie mit Leib und Seele und natürlich mit recht stolze Bewohner des Erzgebirges sind. Ganz authentisch und in keinster Weise anzuzweifeln. Wir erfahren viel. Über Rad- und Wintersport, über Skisprungschanzen und Musikmuseen, über das benachbarte Tschechien, über die größte erzgebirgische Pyramide, dass es eine Gaststätte gibt, in der sich die berühmten Randfichten, die mit dem „Holzmichel“, gegründet haben (das war wohl das Wirtshaus mit dem Zettel, dass sie nächste Woche wieder geöffnet haben, neben dem Lokal, das gerade Ruhetag hatte) und dass es ein Waldfreibad gibt. Prima, der morgige Ausruhtag ist gerettet.

Es ist Mittwochabend und unser Stoneman beginnt erst am Freitag. Mein ruhiger Ankommdonnerstag kommt etwas in Aufruhr als Herr Edelweiß beim Frühstück ausführlich vom Stoneman erzählt und mit kritischem Blick immer wieder sagt, er wüsste ja nicht, wie wir trainiert haben, aber die Strecke hat es in sich. Sein gestriger Blick auf unsere Räder zeigte eine Anerkennung, die ich jetzt gerne auch für mich als Person spüren würde. Er erzählt von sehr steilen und gerölligen Anstiegen, von Abfahrten, auf denen man unbedingt aufpassen muss und auf denen man sehr ins Rutschen kommen kann. „Steigt besser auch mal ab und schiebt hinunter“, sagt er. Er sagt ‚ihr’, meint aber wohl nur mich oder warum schaut er bei den Gefahrenstellen nie zu Arrý hinüber? Was? Arrý? Sagtest du nicht, dass es hauptsächlich Forstwege sind, auf denen ich mich hoch und runter quälen darf? Ich beschließe, die Ausführungen des Wirts nicht zu ernst zu nehmen, denke, er ist wohl eher vorsichtiger Natur und bauscht das Ganze erzgebirgisch auf. Du hast doch gar keine Ahnung, was ich alles kann, denke ich und versuche mich schon mal in das schöne Waldbad hineinzufühlen, in dem ich gleich entspannt plantschen werde.

All-Inclusive nicht für uns

Am späten Nachmittag kommen drei Mountainbiker aus Bocholt zur Pension, die nun schon ihre erste Etappe hinter sich gebracht haben. Die Armen hatten bei den schwülen 30 Grad heute einen ziemlich fiesen Start. Sie erzählen von viel Geröll und schwer zu fahrenen Bergaufpassagen. Wenig Grip und sehr rutschig, geben sie zu bedenken, sind aber alles gefahren. Wir tauschen uns noch ein wenig aus. Die drei kennen sich von der Bocholter Bande, einer Mountainbikegruppe aus dem westlichen Münsterland. Bis auf ein paar Halden gibt es dort nichts, das Höhenmeter hat. Sie haben all-inclusive gebucht, d. h. Halbpension und Gepäcktransport. Arrý und ich sind eher Minimalisten, also haben wir gar nicht wirklich darüber nachgedacht, diesen Service mitzubuchen. Halbpension kann ich inzwischen nachvollziehen, aber das bisschen Klamotte, das wir brauchen, können wir auch tragen. Die Bocholter schütteln darüber nur den Kopf, der eine mehr, der andere weniger, einer gibt ein entsetztes ‚Warum’ von sich. Mein Rucksack wiegt etwa sieben Kilogramm, der von Arrý zehn. So sind wir schon oft unterwegs gewesen. Enthalten ist nur das Notwendigste: Regenklamotten, Werkzeug, Erste-Hilfe-und Wasch-Set, Klamotten für abends, zwei Liter Wasser, Riegel und Gels. Arrý trägt die schwereren Werkzeuge und braucht mehr Wasser. Die Radklamotten werden abends schnell durchs Seifenwasser gezogen und sind am nächsten Tag wieder trocken und halbwegs sauber.

Wir essen alle in der Pension – wo auch sonst – und gehen früh schlafen.

Ich freue mich über das Gewitter, das in der Nacht tobt. Arrý hat Probleme bei Hitze, daher bin ich sehr froh über die Abkühlung.

Endlich geht es los! Ein „Ankommtag“ ist mir zwar immer wichtig, aber ich will jetzt endlich aufs Rad.

Ready to rumble!

Tag 1 – die Königsetappe – Von Johanngeorgenstadt nach Oberwiesenthal

Das erste Schild mit dem Stoneman-Logo weist uns direkt von der Pension den Weg nach Potûčky in Tschechien. Die gesamte Strecke ist übrigens bestens beschildert. Die Grenze liegt direkt an einem Verkehrskreisel, der von oben bis unten mit Verkaufsständen „geschmückt“ ist. Schuhe, Blusen, Modeschmuck, Frauen, hier kann man alles kaufen. Überraschend asiatisch sieht es hier aus. Die Vietnamesen, die vor der innerdeutschen Grenzöffnung in der DDR lebten, haben sich nach der Wende hier breit gemacht und verkaufen alles, was geht. So hatte ich mir Tschechien nicht vorgestellt. Nach dem Kreisel mit kurzem Blick in den anschließenden Markt wird es glücklicherweise schnell wieder erzgebirgisch.

Die Häuser sind hier in Potûčky noch grauer als die von Johanngeorgenstadt, aber wir sind schnell in der Landschaft und die ist ein Traum. Unser erster Tag beginnt direkt mit der Königsetappe. Ob das besonders clever ist oder einfach nur doof, klärt sich vielleicht später. 55 Kilometer und 1745 Höhenmeter sowie die ersten vier Berge stehen heute auf dem Plan. Zum ersten Berg, dem Blatenský Vrch, kurbeln wir entlang des Schwarzwassers. Die Steigung nimmt einen langsamen Anlauf, gerade richtig zum Einrollen und meine morgendliche Antriebsschwäche. Ich bin 51, halte mich für einigermaßen fit und ausdauerfähig, aber zum Warmwerden brauche ich jedes Jahr länger.

Nach dem nächtlichen Gewitter wabert eine tropische Feuchtigkeit über unserem Stoneman. Die Fliegen scheinen das zu lieben. Und uns auch. Jeder von uns hat eine Traube von schwarzen Viechern um sich. Entrinnen kann man ihnen nur, wenn man schnell fährt, aber daran ist nicht zu denken. Der Weg wir steiler, Arrýs Schaltung knatscht und knarrt und macht mich ganz nervös. Sein Rad findet die kleinen Gänge nicht. Vielleicht hätte er sich mal seinem eigenen Equipment widmen sollen, statt nur meine Technik auf Vordermann zu bringen. Er ist ohne Zweifel mein Lieblingsschrauber. Mit einer stoischen Ruhe zaubert er mein Bike immer wieder so zurecht, dass alles so sitzt und funktioniert, wie ich es haben möchte. Kleine Gänge braucht Arrý eher selten, er fährt recht obertourig die Berge hoch. Aber heute würden sie ihm ein bisschen Kraft sparen. Und mir Nerven. Ich komme irgendwie nicht in den Tritt, die Fliegen, die Schaltung, der vom Gewitter aufgeweichte Boden, mir fehlt die Ruhe. Ich lasse den Blick wandern und konzentriere mich auf die Gegend. Das hilft. Wir passieren eine Schafherde auf einer Wiese mit Weitblick.

Die Strecke, die dann folgt, ist heftig. Durch weiches Geröll berghoch versuchen wir noch eine Weile zu kurbeln und geben dann auf. Das wird geschoben. Ich habe da keinen falschen Stolz. Wie Weihnachten riecht es. Durch den Sturm der letzten Nacht liegen viele Äste und Tannennadeln auf dem Weg. Ob es der Duft ist oder das Gehen, ich finde Ruhe, meinen Rhythmus und bin zufrieden.

Ein Berg, ein Turm, ein Gebäude und ein Loch

Der erste Berg, der Blatenský Vrch, steht vor uns und mit ihm die erste Stempelstelle. Beim Stoneman gibt es eine Karte mit einem Bändel, die an jedem der neun Berge an einer kleinen Stanze gelocht wird. Neun Löcher, die am Ende beweisen, dass man wirklich und tatsächlich alle Berge mit eigener Muskelkraft erradelte und verdient in allen Ehren die ersehnte Trophy überreicht bekommt. Arrý steht breit grinsend vor einem der großen Stoneman-Plakate und stanzt sein Kärtchen. RUMMS! Einmal mit der Faust drauf und drin ist das Loch. Das erste Loch in Richtung Ruhm und Ehre. Dann ich. Einmal mit der Faust drauf und AUA. Das Ding klemmt, wie ich finde. Eine Stanze wie Granit, wie der Berg. Mein Zweitversuch gelingt, aber auch die nächsten acht Löcher erarbeite ich mir hart. Ein Blick über den Berg, der mit seinen 1043 Metern hoch ist, mich aber nicht besonders beeindruckt. Wie bei jedem Berg ein Turm und mindestens ein Gebäude. Dieses Gebäude ist verlassen, wurde vielleicht mal als Kiosk benutzt, aber das muss irgendwann mal früher gewesen sein. Außer uns ist hier niemand. Warum auch. Noch ein Biss in einen Riegel und weiter geht’s.

Zum Plešivec, dem zweiten Berg der Königsetappe. Es geht runter. Bergab! Was für eine Freude! Dass es irgendwann auch wieder hochgehen würde, verdränge ich und genieße den Fahrtwind und die Leichtigkeit. Schöne Blicke über die Wälder und Wiesen lassen mich die Anstrengung vergessen. Auch Arrý geht es gut. Sein erstes Loch auf dem Weg zur Trophäe stimmt ihn fröhlich.

Menschenleere

Der Berg kommt moderat, aber er kommt und hat am Ende noch eine ganz fiese Steigung für uns. Vorbei an vielen Skiliften, die erahnen lassen, dass es im Winter hier vermutlich nicht so menschenleer ist, führt uns der Weg zum Plešivec. Bis jetzt haben wir außer den Vietnamesen am Morgen nur einen Schäfer gesehen. Unser zweiter Berg liegt auf 1028 Meter, hat einen Turm, ein paar Gebäude und sogar ein Hotel, vor dem sich gerade ein paar Wanderer unterhalten. Windig ist es hier oben. Das gleiche Prozedere kündigt sich an: ein freudig erregter Arrý mit seiner Karte, RUMMS, dann ich, zwei Anläufe, dann auch ein Loch. Ein Riegel, ein Blick über den Berg, oh, noch ein Mensch! Der Erste der Bocholter Bande. Die Drei aus der Pension sind etwas später als wir gestartet und trudeln nun am Berggipfel ein. Ich hatte sie viel früher auf der Überholspur erwartet und freue mich insgeheim, dass sie erst jetzt den Berg hinaufkommen. Ein kurzer Plausch, aber festquatschen möchte ich mich nicht. Mir ist kalt. Der Wind ist eisig und mir fällt grad die Erzählung des Wirts wieder ein, dass nach dem Plešivec die gefährliche Abfahrt folgt. Wenn er nun doch recht hat? Für fahrtechnische Passagen brauche ich Ruhe, also betone ich, dass ich friere, damit wir vor der Dreierbande den Weg hinunterfahren.

Das Stoneman-Schild weist an dieser Stelle mit einem fetten Ausrufungszeichen auf die Gefahrenstelle hin. Obwohl wir uns gegen Protektoren ausgesprochen haben, zieht Arrý seine Knieschoner aus dem Rucksack. Ähm! Kalte Knie, sagt er und begibt sich in den Schottertrail. Das kenne ich gar nicht von ihm! Die Abfahrt ist steil, führt entlang der schwarzen Skipiste, der Wind pustet mich in Schräglage und es rutscht. STOPP! Nee, ich bin kein Gefahrensucher, in unserer Familie gibt es genug Knochenbrüche und ich habe meiner Tochter versprochen auf mich aufzupassen. Also runter vom Rad. Der Wirt hatte recht, in dem Trail steckt viel Risiko. Auch Arrý fährt nicht alles, rollt ein wenig länger als ich und schiebt den Rest. Der Weg ist steil, steinig und nass. Der Boden ist von den heftigen Regenfällen der letzten Nacht aufgewühlt, die Steine sind lose, es rutscht alles – und überhaupt bin ich ein Schisser. Ich habe viel gelernt, in den letzten zwei Jahren und meine Fahrtechnik ist sicherlich nicht die schlechteste, aber auf Glück zu vertrauen, ist nicht meine Stärke. Wenn ich es nicht im Gefühl habe, kontrolliert einen Trail fahren zu können, lasse ich es. Als ich mit dem Mountainbiken anfing, hat mich das geärgert, aber inzwischen weiß ich dieses Gefühl sehr zu schätzen. Es hält mich gesund.

Einen aus der Bocholter Bande legt es hier lang hin, hören wir später. Er hatte Glück, nur Kratzer und ein paar Prellungen. Er trägt es mit Fassung.

Ab jetzt sehen wir die Drei ständig, mal vor uns, mal neben uns, selten hinter uns. Eine nette Ablenkung.

Insgesamt wird die Strecke schwieriger, aber auch schöner. Unsere Strapazen werden mit Wurzeltrails und flowigen Abfahrten und tollen Ausblicken belohnt. Genau mein Ding! Außerdem hat sich die Sonne durch den Dunst des Gewitters gekämpft und die Fliegen sind auch nicht mehr ganz so nervig.

Grotesker Gruselberg

Wir befinden uns noch in Tschechien. Der dritte Berg, der Klínovec, hat sich was besonders Schönes ausgedacht: 600 Höhenmeter am Stück sollen uns in die Knie zwingen. Das Ding zieht sich. Immer wieder hat man den 1244 Meter hohen Berg schon vor Augen und meint, fast dort zu sein und dann gibt es wieder einen Anstieg. Wurzelwege bergauf kosten Körner. Ich liebe diese Wege, aber berghoch sind sie der Killer. Was für ein Schweineberg! Fluchen hilft, davon bin ich überzeugt. Kurz vor dem Berggipfel fühle ich mich wieder an den Harz erinnert. Der Brocken kommt mir in den Sinn. Asphaltiert kurbelt man sich an den Höhepunkt, erwartet hinter der letzten Kurve etwas Spektakuläres – und wird enttäuscht. Beim Klínovec werde ich nicht enttäuscht, sondern erschrocken! Ich muss tatsächlich laut lachen. Dieser Anblick ist so grotesk, so spooky. Klar gibt es auch wieder einen Turm und ein Gebäude. Wir sind ja beim Stoneman. Und was für ein Gebäude! Es ist riesig und sieht ein bisschen so aus als könnte es eine Filmkulisse von Shining sein. Es muss einmal sehr schön gewesen sein. Aber das ist auf jeden Fall lange her. Arrý weckt mich aus meinen Träumen und ruft mich zum Stempel. Ach ja, da war ja noch was. RUMMS von ihm und ein ‚Hole in One’ von mir. Huch! Geht doch! Und das nach den Strapazen.

Etwas unterhalb des unheimlichen Gipfels hatten wir etwas ähnliches wie eine Gaststätte gesehen, geöffnet sogar. Dorthin rollen wir zurück. Arrý hat Hunger und zwar dringend. Die Bande sitzt schon dort und schlürft alkoholfreies Bier. Ich bestell uns eine schnelle Cola und wir essen ein paar Fritten dazu. So langsam kommt Farbe zurück in Arrý.

Richtig voll ist es hier. Der Klínovec hat auf dieser Seite einen Bikepark mit Lift, einige Downhiller machen grad Pause und auch für Motorradfahrer scheint der Berg attraktiv zu sein.

Draußen belauschen uns zwei Harleyfahrer, outen sich als Zuhörer und fragen, was man denn alles lernen muss, um den Stoneman zu fahren. Und wie lange wir dafür gebracht haben. Wir plaudern noch ein bisschen mit Ihnen und wünschen uns gegenseitig eine gute Fahrt.

Es fällt sich sanft im grünen Gras

Den vierten Berg im Visier, rumpeln wir die wurzeligen Klínovec-Trails hinunter. Leider komme ich gar nicht dazu, von denen Bilder zu machen. Die Dinger machen riesigen Spaß, sind aber gar nicht so ganz ohne. Nach den Trails kommt ein langes Stück Wiese, auf der man ganz einfach und flowig nach Boží Dar, dem letzten tschechischen Dorf vor der Grenze nach Deutschland hinunterradelt. Ich genieße den tollen Weitblick auf die Berge um mich herum, die bunten Wiesenblumen und die interessanten Skilifte, will Arrý nochmal anlächeln bevor es wieder hoch zum nächsten Berg geht und stelle fest, dass er nicht mehr da ist. Arrý? Wo steckt der? Ich fahre ein Stück zurück und sehe ihn auf einer Wiese liegen. Gestürzt ist er. Nach dem ganzen Gerumpel hinunter vom Klínovec fällt er auf einer Wiese um! Weggeruscht. Aber weich gefallen. Ein bisschen unglücklich sieht er schon aus, aber es ist noch alles dran und da, wo es hingehört. Alles gut also.

Doch noch Farbe in Tschechien

Boží Dar, das kleine, im Erzgebirge durchaus bekannte Wintersportzentrum, scheint sämtliche Farbe der tschechischen Dörfer entlang des Stoneman für sich beansprucht zu haben. Bunte Häuser, Cafés, ein bisschen Restaurant und Hotel – auch wenn wir nicht anhalten, versöhnt uns der lebendige Anblick dieses Ortes ein wenig mit dem toten Grau der restlichen tschechischen Siedlungen entlang des Stoneman.

Zum vierten Berg an diesem Tag führt uns der Weg wieder nach Deutschland. Eine lange stetige Steigung bringt uns endlich zum Fichtelberg. 1215 Meter, ein Turm, ein Gebäude, ein Hotel, eine Liftanlage, eine Stempelstelle. Und täglich grüßt das Murmeltier: RUMMS von Arrý, zwei Versuche von mir, ein Loch, ein Riegel, ein ordentlicher Schluck Wasser.

Der erste Tag neigt sich dem Ende zu und das ist gut so. Wir sind beide ziemlich kaputt und freuen uns auf Oberwiesenthal. ‚It’s not over until the fat lady sings’, gibt Arrý von sich und erinnert mich daran, dass wir die Konzentration noch einmal hochhalten müssen. Eine steile Rodelbahn gilt es gesund und heile hinunter zu kommen. Etwas geröllig geht es zu, aber eigentlich ganz gut fahrbar.

Danach rollen wir auf Asphalt hinunter zum Sporthotel und sind froh, dass die Königsetappe hinter uns liegt. Arrý entdeckt am Hotel einen Radladen mit einem wirklich netten und fähigen Mechaniker, der sich ausgiebig und erfolgreich dem Problem der Schaltung widmet und ich schlürfe in der Zeit genüsslich und zufrieden zwei leckere Cappuccino vom lieben Kellner. „Viele Frauen sehen wir hier nicht beim Stoneman“, sagt er und stellt grinsend einen Teller Kekse auf den Tisch. Der Mechaniker gibt uns noch einen Restauranttipp und der Abend ist gerettet.

Tag 2 – Von Oberwiesenthal zum Scheibenberg

Geschlafen haben wir prima. Gefrühstückt auch. Mist ist bloß, dass wir alles, was wir gestern so schön nach Oberwiesenthal runter gefahren sind, nun auch wieder hochpedalieren müssen. Darunter ein erster recht steiler Anstieg. Aus der kalten Hose ab in die Belastung war noch nie meine Stärke, es dauert heute morgen lange, bis ich auf Betriebstemperatur bin.

Oberwiesenthal ist der Startort für viele Stonemänner- und frauen. Ein paar Grüppchen in einheitlichen Rennradtrikots ziehen am Berg an uns vorbei. Auch sie fluchen über die frühmorgendlichen Höhenmeter. Sparen kann sich das nur, wer im Jens-Weissflog-Hotel übernachtet. Für die Faulen liegt die Premiumunterkunft schon oben am Berg und sie starten diese Etappe direkt in der Hochebene. Für diese Schummelei bekämen sie von mir nur einen halben Stein auf ihrer Trophäe, beschließe ich und fühle mich wohl mit diesem gerechten Gedanken.

Alle Stoneman-Grüppchen sind an uns vorbei gezogen und Arrý und ich wieder mit uns und unseren Strapazen alleine. Nur die Bocholter Bande touchiert uns wieder hier und da. Ein kleiner Plausch, ein kurzes Update. Die Jungs sind heute auf ihrer letzten Etappe und merklich gut gelaunt.

Der erste Stempelberg ist der Bärenstein mit 898 Metern. Ein fieser hochprozentiger Asphaltanstieg führt dorthin. Ein Turm, ein Gebäude, eine Stanze, RUMMS von Arrý, kein RUMMS von mir. Die Stanze hängt jetzt aber echt zu hoch! Beim Bären also drei Versuche. Macht ja nichts. Beim nächsten Mal muss ich mir wohl eine Leiter organisieren.

Ein Silberling rollt rückwärts

Während ich etwas grummele und Arrý sich köstlich amüsiert, schiebt ein ziemlich fit aussehender Stoneman gerade sein Bike zu uns hoch. Weil das durchtrainierte Aussehen und das Schieben so gar nicht zusammen passen, frage ich ihn, ob es ihm gut geht. Der Arme. Er ist ein Silberling und gestern sind sie zu dritt und im Dunkeln schon in der Nähe gewesen, trauten sich aber ohne Licht nicht mehr zum Bärenstein hoch und fuhren stattdessen weiter zu ihrer Unterkunft in den Ort Brettmühle hinunter. Seine Kumpels entschieden sich dort aufzugeben und er selbst fuhr morgens den ganzen Berg wieder zurück und hinauf zum Bärenstein, um sein Loch zu stempeln. „Selbst schuld“, sagt er lachend. „Wir haben zu viel gebummelt gestern.“ Wir wünschen ihm ein gutes Durchhalten und fahren nun selbst runter nach Brettmühle. Die Vorstellung von hier morgens wie er den Weg wieder zurück zu fahren, nur um so ein doofes Loch in die Karte zu stanzen, finde ich sehr zermürbend. Wir haben ihn nicht mehr gesehen und vermuten, dass er am Ende doch noch aufgehört hat.

Ich glaube, es ist ziemlich einfach, den Stoneman zu unterschätzen. Und ich habe einen riesigen Respekt vor den Silberabsolventen während ich die Goldjungs schon fast bekloppt finde. Dagegen kommt mir das, was Arrý und ich hier gerade treiben, völlig lächerlich vor.

Schön ist es auf dem Weg vom Bärenstein zum zweiten Berg in unserer heutigen Etappe, dem Pöhlberg, mit 834 Metern. Fast wie im Allgäu schaut es hier aus. Wiesen, Weiden, Kühe, schöne Bauernhöfe, freundliche Menschen in hübschen Dörfern mit Blumen an den Fenstern. Das mag ich. Auch Arrý schaut zufrieden aus.

Eine Bobbahn aus einer anderen Zeit

Zum Pöhlberg schraubt man sich über Forstwege und leichte Trails hinauf bis die irre Bobbahn sämtliche Ideen von vorhandener Fitness zunichte macht. Das Ding wurde 1915 von Hand erbaut. Die Natursteinwände sind heute vermost. Die riesigen Steine an den Seiten der 1500 Meter langen Bahn lassen mich ehrfürchtig an die wahnsinnige Arbeit denken, die die Erbauer damit gehabt haben müssen. Vermutlich schwitzten sie genauso wie ich jetzt und hätten nichts dagegen gehabt, dass ich Jahre später einfach absteige und schiebend über sie nachdenke.

Belohnt wird man am Pöhlberg mit einem Turm, einem Gebäude und einer Stanze. RUMMS, mehrere Krafteinsätze von mir und ein erfolgreiches neues Loch sowie ein Blick über den Berg. Nee, kein Riegel, kein Wasser! Hier gibt es einen Biergarten, einen Teller Spaghetti, ein kühles alkoholfreies leckeres Weizen und Die Bocholter Bande! Diese Pause wird lang ausgedehnt und fett genossen. Die Bande frötzelt bereits, dass sie ja echt keine Lust hätten, morgen nochmal zu fahren. Sie sind schon im Vor-Ziel-Fieber und können die Trophäe bereits riechen. Während sie sich auf den Weg machen, lassen wir uns die Nudeln schmecken und schauen dabei auf Annaberg unten im Tal. Dort tobt der Bär: „Die berühmte Annaberger Kät mit Riesenrad, fast so groß wie das Münchner Oktoberfest“, höre ich den Edelweiß-Wirt aus Johanngeorgenstadt noch in meinen Ohren.

 

Der letzte Berg ist heute der Scheibenberg. Es ist ziemlich warm geworden, meine Beine sind durch, Hintern und Nacken wollen Pause und mein Kopf hat auch kein Bock mehr. Sonnige Passagen kosten Körner und viel Strecke findet auf diesem Abschnitt auf einer Art Panzerstraße statt. Rhythmisches Rumpeln über Betonplatten, tatumm, tatumm, tatumm… Dann wieder Wurzeltrails bis hoch zum kleinsten aller neun Berge mit 807 Metern. Boh, bin ich froh! Ein müdes RUMMS von Arrý, ein kraftloses Loch von mir, ein Blick über den Berg. Turm, Gebäude. Biergarten.

Entertainment am Scheibenberg

Hey! Da sitzt schon die Bande und trinkt ihr Finisher-Bier. Sie haben es geschafft. Stoneman-Bronze! Fröhlich sehen sie aus. Sogar der Ehrgeizige unter ihnen sieht entspannt aus. Einer summt „I’m a Stoneman“, frei nach dem Blues Brothers’ Song ‚Soul Man’. Die Melodie wird noch die ganzen nächsten Tage an mir kleben. Daraus könnte man doch eine Hymne machen. Message an die Stoneman-Organisatoren: ich schreibe euch den Text, wenn ihr die Gema-Gebühren bezahlt.

Arrý und ich beschließen, uns hier einzuquartieren, obwohl wir eigentlich im Dorf unten für einen Gasthof vorgesehen waren, setzen uns dazu und lassen uns von der Bande entertainen. Der Wirt kommt an den Tisch und überreicht jeden von ihnen die Stoneman-Trophy. Der Blick von Arrý ist unbezahlbar. Neugier, Wohlwollen, Anerkennung und Vorfreude strahlen aus seinen Augen. Morgen wird er seine erhalten. Endlich. Die Bande reagiert unterschiedlich. Der Ehrgeizige ist stolz und sagt nichts, der gute, aber sehr bescheidene Fahrtechniker bekommt nur einen Stein in Tüll, weil er bereits zum zweiten Mal dabei ist, und steckt ihn ungeöffnet in seine Tasche. Der Blues Brother stellt ihn vor sich und schaut hoffnungsfroh besorgt. Ob seine Frau es wohl zulässt, dass seine hart erkämpfte Trophäe ins Wohnzimmer darf? „Ein Garagenplatz wäre kein Problem“, sagt er, „aber so ein Plätzchen in einer Vitrine in der heimatlichen Stube…“ Ich hoffe sehr, dass seine Gattin nachgiebig ist.

Der Gasthof am Scheibenberg liegt von allen Startpunkten am nächsten zur Autobahn und ist daher beliebter Start- und Zielort für Silberlinge und Goldjungs. Im Laufe des Abends landen einige von ihnen in unterschiedlichster Verfassung am Nachbartisch. Ein Kommen und Gehen. Sie nehmen ihre Trophy entgegen, manche nur einen Stein, trinken etwas, plaudern oder sind ganz still. Besonders in Erinnerung bleibt mir ein Grüppchen junger Goldjohnies, von denen zwei schon in der Nacht mit dem Rad 40 Kilometer zum Startort fuhren und nun auch wieder mit dem Rad nach Hause. Das sind dann etwa 240 Kilometer! Sie sahen zwar schmutzig und durchgeschwitzt aus, aber wirkten nicht besonders ausgelaugt. Ein anderes Extrem war ein junger Kerl, der völlig gehetzt vor der Stempelstelle stand, „fertig“ sagte, hektisch versuchte, sein Rad an einen Baum zu stellen und dann mit wippenden Beinen auf einem Stuhl Platz nahm. Seine Mimik, seine Gestik, seine Sprache, sein ganzer Körper war noch unterwegs.

Wir konzentrieren uns nun wieder auf unseren eigenen Stoneman, gehen brav schlafen und lassen die Bande alleine weiter feiern.

Tag 3 Vom Scheibenberg nach Johanngeorgenstadt

Der Morgen fühlt sich entsetzlich an. Der Nacken, der Rücken, alles müde. Ein Blick auf Arrý zeigt mir, dass sein Zustand auch nicht viel besser ist. „Hurra, wir leben noch“, singt er und verschwindet im Bad. Wir haben keinen Alkohol getrunken. Arrý trinkt eh nie und ich grundsätzlich nicht, wenn ich sportliche Pläne habe. Kopfschmerzen habe ich trotzdem. Warm und stickig ist es in unserem Dachzimmer und trotzdem würde mein alter Körper gerne noch ein wenig liegen bleiben.

Das Frühstück gibt ein bisschen Energie und die Laune passt. Vom Scheibenberg geht es direkt in einen schönen Trail und eine ganze Weile bergab zum Unterbecken des Pumpspeicherwasserkraftwerkes Markersbach. Die Gegend ist hübsch und das Einrollen macht Spaß. Am Ufer picknickt eine Familie mit kleinen kichernden Kindern. Sie stimmen mich eine Weile fröhlich.

Sorgenvolle Kilometer

Bis plötzlich eine riesige schwarze Wolke über dem Wasser zu sehen ist. Wir kennen uns beide nicht in dieser Gegend aus und haben keine Ahnung, was dort brennen könnte, aber riesig muss es sein. Mit einem mulmigen Gefühl fahren wir weiter, hoch zum Oberbecken. Immer wieder blicke ich zurück und betrachte die schwarze Wolke. Der Wind steht günstig für uns, aber wir sind ja nicht alleine auf dieser Welt und einatmen will das sicher niemand. Wir hören mehrere Explosionen. So richtig befreit lässt sich der Stoneman gerade nicht genießen. Erst abends hören wir im Radio, dass es sich um eine Möbelfabrik in Elterlein handelte. Die Feuerwehr würde noch drei Tage brauchen, den Brand zu löschen.

‚Wo ein Unterbecken, da auch ein Oberbecken’, lenkt Arrý mich von der Sorge ab. Tatsächlich sind 400 Höhenmeter am Stück zu bewältigen. Technisch sind sie gut zu fahren, zumindest theoretisch, praktisch hat Arrý grad Sitzprobleme und mag einfach lieber mal ein paar Meter gehen. Mir ist es grad lieber zu fahren, aber schneller bin ich dadurch nicht. Gemeinsam zuckeln wir hoch zur Kammhöhe. Mir fehlt heute der Berg, die Stempelstelle, der Turm, das Gebäude, das vertraute RUMMS. 36 Kilometer sind es zum Rabenberg und die werden gefühlt immer länger.

Die Laune wird dennoch besser und die Vorfreude vom Morgen kommt wieder zurück. Viele Weitblicke über Wiesen und Weiden tun immer gut. Diese Mischung aus grün mit Gras mampfenden Kühen versetzt mich immer in einen entspannten Wohlfühlmodus. In dem Ort Rittersgrün hat die Familie Bleyl einen ganz tollen Stopp für die Stoneman-Biker eingerichtet. Einfach daran vorbei fahren geht gar nicht! Ein buntes Schild, ein bunter Garten, bunte Liegestühle und ein bunt gefüllter Kühlschrank – herrlich. Wir haben beide grad keinen Hunger oder Durst, trotzdem nehme ich uns einen Schokoriegel für später mit und lege ein paar Euro in eine Schachtel. Toll!

Ein Spielplatz im Berg

Endlich kündigt sich der Rabenberg an. Der Berg mit dem Trailcenter auf 913 Meter. Über schöne Singletrails rumpeln wir sanft zur Stempelstelle. Ein RUMMS für Arrý, ein siebtes ungeschicktes Loch für mich, ein Blick über den Berg. Hier fehlt der Turm!! Dafür gibt es jede Menge Gebäude. Eins davon ist das Trailcafé. Und das hat sogar geöffnet. Eine Nudel, eine Apfelschorle, ein bisschen Leute schauen. Voll ist es nicht an diesem sonnigen Sonntag. Seltsam. Wenn ich in der Nähe wohnen würde, wäre ich hier ständig. Gefällt mir sehr gut. Die Trails sind klasse in den Berg eingebettet, nicht so nackt wie in vielen anderen Trailparks. Klar sind die Trails künstlich herbeigezüchtet, aber sie wirken sehr natürlich. Der Stoneman hat sich einige der Trails direkt auf seine Strecke gelegt. Ein spaßiges Stück. Spaß macht mir nur ein schneller Irrer nicht, der mich an einer engen Steilstelle wie ein Bekloppter überholt. Schon, dass er keinen Helm trägt regt mich auf. Ganz offensichtlich nimmt er weder auf andere noch auf sich selbst Rücksicht. Ein lautes Wort mit A brülle ich ihm hinterher, während ich mich noch weiter fluchend erstmal wieder sammeln muss. Sollte das ein Stonemanfahrer sein, würde er von mir direkt disqualifiziert werden. Pappnase! Unten steht Arrý und wartet auf mich und schaut etwas mitleidig. Das brauche ich jetzt auch nicht. Fluchen ist gut und gesund. Das muss raus!

Überflüssige Schleife und ein applaudierender Bach

Wieder beruhigt merke ich , dass ich jetzt gerne langsam aufhören würde. Ich bin fritte. Beide schieben wir inzwischen viel, an Stellen, die eigentlich nicht wirklich steil sind. Es reicht. Auch ist es ziemlich frustrierend, unseren Zielort Johanngeorgenstadt bereits in fünf Kilometern ausgeschildert zu sehen und zu wissen, dass der Stoneman sich aber noch bis zum Auersberg hoch und wieder hinunter schlängelt. Extrakilometer. Ganz ehrlich: diese Schleife zum Auersberg könnt ihr euch direkt sparen, liebe Stoneman-Organisatoren. Ich bin in diesem Moment von meiner körperlichen Verfassung her sowieso schon grad nicht positiv gestimmt, aber der Weg verläuft hier nur auf Forstwegen, es gibt selten einen schönen Ausblick und es ist schlichtweg langweilig. Nur weil ihr da oben noch so ein neuntes Loch von uns haben wollt! Endlich da, ein RUMMS von Arrý, ein RUMMS von mir!! Ja! Geschafft! Wir sind Stoneman!! Den Beweis in der Hand freuen wir uns, Arrý strahlt. Wie immer werfen wir noch einen Blick über den Berg. Ein Turm, ein Gebäude, beides geschlossen. Bonjour Tristesse. Adieux Auersberg.

Nun geht es nur noch abwärts, fast jedenfalls. Die Freude in den müden Knochen radeln wir hinunter zur Pension Edelweiß. Wir sind langsam geworden, sehr langsam. Beide habe wir uns oben am Berg versichert, jetzt nicht aus Übermut noch kurz vor dem Ziel einen Sturz zu provozieren.

Unterhalb des Bergs wird es wieder schön grün, ein paar Gasthöfe, sogar geöffnet, sind am Wegesrand zu sehen, ein paar Kühe stehen herum und bewundern uns und ein Bach applaudiert uns sprudelnd ins Ziel.

Boh sind wir jetzt froh! Arrý grinst stolz und ich bin mächtig erleichtert, dass ich mein Rad hinstellen, meinen Rucksack abnehmen und meinen Lieblingsmitfahrer heile und ganz in den Arm nehmen kann. Herrlich!

Wir sind Stoneman!

Herr Edelweiß kommt aus seiner Pension, nickt anerkennend und bringt uns kühle Getränke. Wir genießen am Tisch sitzend jeden einzelnen Schluck und strahlen uns an. Helden sind wir! Der Wirt kommt seiner Pflicht nach und überreicht uns die Trophäe. Die lang und hart erarbeitete, heiß ersehnte Stoneman-Trophy! Da ist sie! Ein schwarzer Sockel, ein bronzener Stein und das rostfarbene Stoneman-Symbol. Für uns gibt es ihn als Bausatz – in einem Pappkarton zum Selbstzusammenschrauben! Herr Edelweiß, dies ist nicht Ikea! Trophäen wie diese werden mit Würde und Ehrfurcht verliehen, mit Handschlag und einem anerkennenden Gratulationsspruch. Amüsiert beobachte ich den glücklich bastelnden Arrý. Ich bekomme den kleinen dicken Stein und er den großen Breiten. Dass es weitere Steine gibt, die man ganz easy bei späteren Teilnahmen hinzufügen und sogar festschrauben kann, überhöre ich ganz absichtlich.

„I’m a Stoneman“ flöte ich, schließe die Augen und denke lächelnd an eine genüsslich kauende, gemütlich im Gras liegende Kuh.

Mein Fazit:

  • Ein Stoneman ist ein Stoneman!
  • Eine sehr gut organisierte und super ausgeschilderte Veranstaltung.
  • Gut für alle. Jeder kann wie er will, ambitioniert oder halbwegs entspannt.
  • Nicht für Fahrtechnik-Anfänger geeignet.
  • Kondition und Fahrtechnik müssen vorhanden sein.
  • Je nach Termin nicht viel los auf und an der Strecke.
  • Eine wertvolle Veranstaltung, die mehr Publikum verträgt und verdient.
  • Und: ich muss demnächst von der Strecke mehr Bilder machen. Es fehlen leider viele von den rumpeligen Abschnitten. Ich brauchte halt beide Hände am Lenker 😉

 

12 Comments
  • Arry

    19. Juli 2017 at 21:26 Antworten

    I am a stoneman…. schön, mit Dir die Welt zu beradeln und zu berumpeln.

    • Gaby

      19. Juli 2017 at 22:14 Antworten

      Wohin fahren wir als nächstes? Du und ich, wir Beide 🙂

      • Roland Köhn

        20. Juli 2017 at 19:29 Antworten

        Hallo Gaby. Ein sehr Toller Bericht, der wirklich das erlebte erzählt. War eine Tolle Zeit mir Euch. Wünsche Euch noch viele tolle Touren. Bis dann mal….Roland..

        • Gaby Travers

          20. Juli 2017 at 23:29 Antworten

          Einer aus der Bande! Hey, wie schön 🙂 Ja, gerne mal wieder. Und liebe Grüße an die anderen Beiden.

  • Günter Wende

    19. Juli 2017 at 22:03 Antworten

    Wow, ein ganz toller Reisebericht Gaby, sehr schön geschrieben mit klasse Fotos. Ich glaube ihr habt den Holzmartergust übersehen. Der Wächter über den Wald im Erzgebirge. 😁
    Ich überlege ob ich den Stoneman noch mal fahren werde, es war echt toll. Gruss Guenni ✌

    • Gaby

      19. Juli 2017 at 22:12 Antworten

      Danke lieber Silver-Stoneman Guenni 🙂
      Ein Holzmartergust? Oha!

  • Michael

    19. Juli 2017 at 22:40 Antworten

    Sehr schön geschrieben liebe Gabi und Respekt! Ich fühlte mich wieder zurückversetzt in das nicht hell werdende, grauverschleierte, menschenleere Erzgebirge. Es ist eine Erfahrung und die Trophäe macht sich gut – egal ob Bronze, Silber oder Gold.

    • Gaby Travers

      19. Juli 2017 at 22:52 Antworten

      Dankeschön 🙂 Ja, du Armer, du hattest die Regenvariante – dafür hättest du gleich drei Steine bekommen müssen. Oder einen Stein mit Regenschirm 😀

  • Radi

    20. Juli 2017 at 14:03 Antworten

    Hi Gaby,
    toller Bericht – ich glaube da muss ich auch mal hin!!!

    Gruß Radi

    • Gaby Travers

      20. Juli 2017 at 15:52 Antworten

      Der Radi! Danke dir. Ja klar, ab und los mit dir ins Erzgebirge 🙂 Wenn ich es recht überlege, könnte das Sauerland auch so einen Stoneman vertragen.

  • Ralf Wichmann

    27. November 2018 at 7:14 Antworten

    Toller Bericht, ich habe ihn mir als Einstimmung auf den Stoneman angeschaut. Nächstes Jahr im April geht es los. Anläßlich meines 60.em und Übergang in Rente.
    Deine Einstellung kommt meiner sehr nah. Natur genießen mit dem Bike nach dem Motto der Weg ist das Ziel und nicht die Zeit.
    Gruß Ralf

    • Gaby Travers

      27. November 2018 at 15:36 Antworten

      Dankeschön. Da wünsch ich dir im April eine ganz tolle Tour. Fast hätte ich auch schon fast wieder Lust 😉 Ich finde es immer schön, ein Ziel vor Augen zu haben, dann trainiere ich vernünftig über den Winter. Mal schauen, was es 2019 für mich wird… Liebe Grüße, Gaby

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